Quelle: Leipziger Volkszeitung/Muldentalzeitung, Montag, 19. August 2013 · Seite 25

Jugendklub bleibt die Jugend weg

Leiterin des Freizeittreffs Bennewitz plädiert für neue Konzepte

Bennewitz. Eigentlich hatte der Jugend- und Freizeittreff Bennewitz im Rahmen der Sommerferienspiele vergangene Woche eingeladen, mit Farbe und Pinsel lohnende Motive in Bennewitz und seinen Ortsteilen im Bild festzuhalten. Doch die kleinen Künstler suchte man vergeblich. Jugendhausleiterin Mandy Rönckendorf musste die Veranstaltung mangels Beteiligung abblasen. Kein Einzelfall. Allerdings: „So krass war es noch nie.“

Der erst vor elf Jahren gebaute Treff in der Leipziger Straße, gedacht als Anlaufpunkt für Kinder und Jugendliche zwischen neun und 24, ist noch immer top, außen wie innen, und doch kommen immer weniger aus der angepeilten Zielgruppe hierher. „Als wir 2002 anfingen, waren täglich 30, 35 Mann hier. Das Haus war proppevoll“, blickt Rönckendorf zurück. Die Zeiten sind lange vorbei. Aktuell treffen sich hier noch fünf, sechs Mädchen und Jungen, spielen mal Billard, mal Rommé. Ein Wochenplan mit verschiedenen Angeboten lohnt sich allenfalls noch für die Ferien. Freilich, so Rönckendorf, könne man den Freizeittreff für Partys öffnen, bei der letzten im März war der Saal voll. „Aber das ist eigentlich keine Jugendarbeit mehr, denn wir können solche Veranstaltungen nur beaufsichtigen, sie sind nicht pädagogisch untermauert.“

Mit dem Problem des wegbleibenden Klientels stehe man nicht allein da, weiß Rönckendorf, dass es anderen Klubs ähnlich geht. Bestätigt habe dies vergangenes Jahr eine Erhebung des Jugendamtes an Mittelschulen des Landkreises zum Freizeitverhalten. „Sie zeigt, dass die wenigsten Jugendlichen noch Angebote in der offenen Jugendarbeit annehmen.“ Den Grund sieht Rönckendorf in geänderten Rahmenbedingungen, unter anderem den Schulschließungen. In Bennewitz wurde die Mittelschule 2006 dicht gemacht, viele Bennewitzer Kinder lernen jetzt in Trebsen. „Seitdem wurde der Stamm immer kleiner, Neuzugänge blieben aus. Denn um Spaß zu haben, braucht es Gruppen, und die“, weiß die Diplom-Sozialpädagogin, „bilden sich in der Schule.“ Jetzt zerstreuen sich die Kinder nach Schulschluss in ihre Heimatorte von Wurzen bis Bad Lausick und finden nachmittags nicht wieder zusammen. Das, meint Rönckendorf, liege auch an den Verkehrsverbindungen. „Der letzte Bus fährt 18 Uhr.“ Und Eltern, insbesondere aus Orten wie Pausitz, Bach und Rothersdorf täten sich verständlicherweise schwer, ihre Kinder abends – der Treff hat bis 21 Uhr geöffnet – auf der Bundesstraße 107 mit dem Fahrrad fahren zu lassen. „Es ist kein Wunder, dass soziale Netzwerke wie Schüler-VZ oder Facebook boomen, um sich auf anderen Wegen auszutauschen“, sagt sie.
Ines Alekowa

Im Visier: Kooperation und größere Zielgruppe

Jugendtreff Benewitz

Die Jugend im Namen – wie lange noch: Immer weniger Kinder und Jugendliche steuern das Haus in der Leipziger Straße an. Foto: Andreas Röse

Aber Rönckendorfs gibt nicht auf. Ihre Schlussfolgerung: „Ich glaube, dass der Trend weg von der stationären Jugendarbeit und hin zur sozialräumlich gestalteten Projektarbeit geht. Wir müssen mobil werden und dahin gehen, wo die Kinder und Jugendlichen sind und uns dazu mit den Fachkräften in den verschiedenen Kinder- und Jugendeinrichtungen zusammentun.“ Anfänge gibt es schon, zum Beispiel die Bennewitzer Wichtelwerkstatt. Das sind Bastelangebote, Weihnachtsfeiern und mehr, mit denen sie und ihre ehrenamtliche Mitarbeiterin in Kitas, Grundschulen, andere Klubs geht oder nach Bennewitz einlädt. „Da kommen mit Kindern und Eltern über 1000 Teilnehmer zusammen.“ Dass mit Kooperation mehr Interessenten erreicht werden können, zeigte auch erst vor drei Wochen das gemeinsame, vom Kreisjugendring unterstützte Sommercamp mit dem Jugendtreff im Schweizergarten Wurzen und dem Awo-Jugendzentrum Bad Lausick in Worbis, das immerhin rund 30 Teilnehmer lockte. „Das war wunderbar, das machen wir 2014 wieder“, sagt Rönckendorf.
Eine Schließung von Jugendhäusern, das Bennewitzer inbegriffen, bringt in ihren Augen nichts. „Denn auch für die Projekte brauchen wir ja Räume.“ Sie könne sich vielmehr vorstellen, den Treff für eine größere Zielgruppe, sozusagen von Null bis 99, zu öffnen. „Die Entscheidung darüber liegt natürlich bei der Gemeinde als Träger des Objektes“, betont sie. Sie habe jedenfalls tausend Ideen, mit denen das Haus ausgelastet werden könnte und die zugleich das Leben in der Gemeinde bereichern: Familienberatung, Ergotherapie, eine Außenstelle der Volkshochschule, Ausstellungen …. „Denkbar wäre auch eine Zentrale für Babysitter und in dem Zusammenhang Jugendlichen ein entsprechendes Zertifikat anzubieten und damit die Möglichkeit, sich etwas Geld zu verdienen“, sagt Rönckendorf. Schon jetzt veranstaltet die Awo-Familienvilla hier einen Mama-Baby-Kreis, trifft sich die Alzheimer-Selbsthilfegruppe, proben Linedancer, Jugendbands. „Man muss schauen, woran im Ort Bedarf besteht“, sagt sie und fügt hinzu: „Unser Vorteil ist: Das Haus hat einen guten Ruf, ist zu 100 Prozent in der Gemeinde etabliert.“