In der Hitze der Stadt – das Leipziger Magazin »kreuzer« über das Sachgebiet Straßensozialarbeit

In der Hitze der Stadt

Die Streetworker der Stadt Leipzig stehen jeden Dienstagabend gegenüber vom
Hauptbahnhof und geben Essen an bedürfige Jugendliche aus. Doch die jungen
Menschen bekommen mehr als nur eine warme Mahlzeit: Lebenshilfe, Akzeptanz
und ein offenes Ohr

Ende August, es ist heiß in Leipzig. Eine drückende Schwüle hatte den Nachmittag damit verbracht, sich über der Stadt auszubreiten. Die Luft im Auto steht; nur der Fahrtwind verschafft kurzzeitige Abkühlung. Das Warten an der Ampel gerät zur Geduldsprobe, während sich der Schweiß auf der Haut zu einem klebrigen Film verdichtet.

Streetmobil: Straßensozialarbeit am Schwanenteich in der Leipziger Goethestraße

Foto: kreuzer / Franziska Barth

Benedikt, Streetworker im Leipziger Südosten, lässt sich von der Hitze nicht beirren. Während er die Ampel beobachtet, erzählt er, wie wichtig die Trennung von Arbeit und Privatleben ist. Daheim müsse man auftanken. Die Fähigkeit, Feierabend machen zu können, abzuschalten, sobald zu Hause die Tür ins Schloss fällt, sei wichtig, sagt er. »Das muss einem liegen. Aber es gibt Grenzfälle. Zum Beispiel wenn es um Kinder geht – spätestens wenn man eigene Kinder hat, ist man sensibilisiert.« Würde man das alles, die Schicksale und Bilder, mit nach Hause nehmen, wäre es irgendwann zu viel, fügt Benedikts Kollegin Annette vom Beifahrersitz aus hinzu.

Seit 17 Jahren ist Benedikt als Streetworker in Leipzig unterwegs. Er kümmert sich wie seine zehn Kolleginnen und Kollegen um jugendliche Obdachlose, Drogenabhängige und andere junge Menschen in Problemlagen. Wenn er nach seiner Zeit als Streetworker gefragt wird, sagt er mit einem Lächeln: »Ich mach das immer noch gern.« Bevor er zur Straßensozialarbeit der Stadt Leipzig kam, lernte Benedikt den Beruf des Elektronikfacharbeiters. Sein Zivildienst bei den Johannitern war schließlich der erste Berührungspunkt mit dem sozialen Berufsfeld – er blieb und arbeitete zunächst als Rettungssanitäter. Doch der heute 43-Jährige wollte mehr und studierte in Berlin Sozialpädagogik: »Ich hab es nicht bereut.«

Als die Ampel schließlich von Gelb auf Grün schaltet, ruckelt das »Streetmobil« über den Augustusplatz. Ziel: Schwanenteich. Der Szenetreffpunkt liegt in einer kleinen Grünanlage, zwischen Oper und Hauptbahnhof. »Der Bahnhof ist in Leipzig – wie in jeder Stadt – Sammelbecken für verschiedene Leute. Die finden dort Kontakte, Informationen, Gleichgesinnte«, erklärt Annette. Die Arbeit mit dem Streetmobil ist daher Streetwork im ursprünglichen Sinn: Die Sozialpädagogen begeben sich in das unmittelbare Umfeld der Jugendlichen, suchen sie in ihrer Szene auf. Der schwarz-grün-blau angestrichene Transporter dient dabei als Arbeitsmittel und Erkennungsmerkmal zugleich. Wie an jedem Dienstag hält das Fahrzeug in der Goethestraße gegenüber vom Hotel Novotel. Kurz nach 19 Uhr: Heute ist es etwas später geworden. Doch es ist keiner da, der sich daran stört. »Nichts los – es ist heiß«, ruft Benedikts Kollegin, als sie aus dem Auto springt. Mit wenigen, gut sitzenden Handgriffen bauen die beiden eine Mini-Biertischgarnitur und ein paar Campingstühle auf. Inzwischen hat sich die Ankunft der Sozialpädagogen herumgesprochen. Nach und nach kommen die ersten Klienten, wie die Besucher des Streetmobils genannt werden. Der kleine Tisch wird derweil mit Plastikgeschirr sowie passendem Besteck bestückt; eine Box mit Süßigkeiten findet ihren Platz. Und auch die Maggi-Würze – in der großen Flasche, für die ganze Familie – wird gleich dazugestellt. Gefragt wird früher oder später ohnehin danach.

Praktikantin teilt am Streetmobil Spenden aus

Foto: kreuzer / Franziska Barth

Die ersten Jugendlichen scharen sich um Annette, die heute das Essen austeilt. Es gibt Soljanka. Wie in jeder Woche wird das Essen vom Tagestreff für Obdachlose, der »Oase«, zur Verfügung gestellt. »Und, schmeckts?«, fragt Annette. »Die haben wir heute noch selber aufgepeppt: Nudeln, Pilze, Bratwurst.« Genuschelte Zustimmung. Ein junger Mann mit den bunten Überresten eines Irokesenschnitts auf dem Kopf fragt nach Wasser für seinen Hund. Da freue der sich, meint er. Annette gießt Wasser in einen Napf.

Benedikt beobachtet das Treiben aus kurzer Distanz. Sechs Leute sind heute da. »25 sind es sonst im Schnitt, aber wenn es heiß ist, kommen weniger«, sagt er. Mit einem Lachen fügt er hinzu, dass es auch okay sei, wenn es mal nicht so viele sind. In diesem Moment nähert sich Benedikt ein Mann, der ein wenig an einen alten Mohikaner erinnert: Jeansweste und Glatze mit langer Haarsträhne am Hinterkopf. Er spricht den Streetworker mit »Bene« an – so wird er hier auf der Straße genannt. Man kennt sich und der Umgang ist vertraut. Er wendet sich mit ein paar rechtlichen Problemen an den Sozialpädagogen.

Benedikt hört sich die Schilderungen geduldig an. Zwischen den beiden Männern ist weniger als ein halber Meter Platz. Benedikt steht dem Mohikaner ruhig gegenüber, die Beine schulterbreit auseinander. Mit seinen Flip-Flops, der kurzen, karierten Hose und dem currygelben T-Shirt würde er auch als Tourist durchgehen. Doch die braun gebrannte Haut täuscht – das bringt die Arbeit als Streetworker eben mit sich. Den Monolog seines Gegenübers unterbricht Benedikt nur selten. Er hört zu, stellt Verständnisfragen. Der Klient wird nicht vorverurteilt, ihm wird nicht die Schuld für seine Situation gegeben. Es geht um die Probleme, die junge Menschen haben, und weniger um die, die sie machen.

»Akzeptierend und niederschwellig« nennen die Leipziger Streetworker ihr Konzept. Jeder junge Mensch zwischen 14 und 27 Jahren kann sich an die Straßensozialarbeiter wenden und sich von ihnen beraten lassen – ohne dass diese den Zeigefinger heben oder mahnen. Die elf Streetworker der Stadt Leipzig arbeiten in drei Teams dort, wo es die meisten Jugendlichen in Problemlagen gibt: Nord, Ost und Süd-Ost. Der vertraute Umgang und die Tatsache, dass man sich zum Teil schon Jahre kennt, machen es den Jugendlichen einfacher, auf die Straßensozialarbeiter zuzugehen. Je nach Problem und Persönlichkeit reicht eine Beratung am Streetmobil aus – in anderen Fällen ist das erste Gespräch nur ein erster von vielen Schritten. »Bei unserer Arbeit geht es vor allem um Beratung, Begleitung und Vermittlung«, erklärt Benedikt. So bietet der Sozialpädagoge seinem Klienten nach der Unterhaltung an, gemeinsam einen Brief zu verfassen. Sollte das nicht helfen, könnte man für ihn einen Kontakt zu einem Experten auf dem Gebiet herstellen, sagt Benedikt. »Wir haben schließlich nicht von allem ne Ahnung«, fügt er mit einem Lachen hinzu.

Welche Hilfe angenommen wird, entscheide immer der Klient selbst, ergänzt Benedikts Kollegin: »Es geht darum, den Menschen in seiner jetzigen Situation zu akzeptieren und ernst zu nehmen. Wir verstärken bestehende Veränderungswünsche, aber wir drücken niemandem was auf.« Die Streetworker fördern also vorrangig die Hilfe zur Selbsthilfe: Die Jugendlichen sollen so viel, wie sie können, leisten – und das in ihrer eigenen Geschwindigkeit. Es geht nicht um radikale Umbrüche, sondern vielmehr darum, dass die Klienten einen Schritt nach dem anderen meistern. Der Erfolg ihrer Arbeit zeigt sich dann, wenn die Jugendlichen Lösungswege irgendwann allein beschreiten können. In der Zwischenzeit haben sich am Streetmobil mehr als 20 Personen ver sammelt. Die kleine Biertischgarnitur und die Camping-Stühle sind voll besetzt, es herrscht eine Atmosphäre zwischen Wohnzimmer und Camping Trip. Wer keinen Platz findet, steht oder sitzt auf den Begrenzungen der Grünfläche. Der junge Mann mit dem bunten Iro hat seine Soljanka inzwischen aufgegessen – »Ach, war das geil, das Essen«, seufzt er und lehnt sich zurück, beide Hände auf den Bauch gelegt. Er ist vielleicht Anfang, Mitte 20.

»Die Jungen zuerst«, lautet eine ungeschriebene Abmachung am Streetmobil, sagt Benedikt. Da die Streetworker dem Amt für Jugend, Familie und Bildung untergeordnet sind, sind sie für Jugendliche unter 27 Jahren zuständig. Der Gesetzgeber geht davon aus, dass Personen ab dem 27. Lebensjahr erwachsen sind und sich daher selbst organisieren können. Die strikte Trennung ist jedoch allenfalls auf dem Papier sinnvoll – an jenen Dienstagabenden allerdings nicht. »Es ist doch Quatsch, das, was die Jugendlichen nicht essen, wegzuschmeißen«, meint Benedikt. Er und seine Kollegen haben den Klienten die Lage einmal erklärt und diese zeigten Verständnis: Zuerst essen die jungen Leute, dann die über 27-Jährigen. »Ich finds gut, wenn wir leer zurückfahren; wenn wir nichts wegwerfen müssen«, sagt der 43-Jährige, als seine Kollegin die letzte Kelle Suppe verteilt.

Kurz nach halb neun packen die Streetworker zusammen; der Abbau geht noch schneller als der Aufbau, ein paar Jugendliche fassen mit an. Besteck und Geschirr kommen wieder in die Kiste, aus der sie kamen, Süßigkeiten und Maggi-Flasche folgen. Fein säuberlich sucht einer der Jugendlichen die Reste der Zigaretten, die an diesem Abend geraucht wurden, zusammen und wirft sie in einen Müllbeutel. Als auch dieser verstaut ist, setzt sich das Streetmobil schwerfällig in Bewegung. Es geht zurück in die Kontakt- und Beratungsstelle der Streetworker am Roßplatz. Im Auto steht noch immer die Luft, die Hitze hat nur leicht nachgelassen.


erschienen in „kreuzer — Das Leipzig Magazin“ Ausgabe 10/2014, S. 36 f.

Kontakt zum Sachgebiet Straßensozialarbeit:

Stadt Leipzig
Amt für Jugend, Familie und Bildung
Sachgebiet Straßensozialarbeit
Roßplatz 5 – 6
04103 Leipzig
Internet: http://streetwork.leipzig.de/

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