Freie Presse: Sportangebote sollen Rutsch auf die schiefe Bahn verhindern

Stephan Kämpf hat als Streetworker seine speziellen Methoden, um Jugendlichen aus der Klemme zu helfen. Vor allem beim Fußball baut er Vertrauen zu den jungen Leuten auf, wobei er nicht bei allen Erfolg hat.

Streetworker mit Jugendlichen auf dem Bolzplatz

Streetworker Stephan Kämpf mit Jugendlichen auf dem Bolzplatz an der Bodelschwinghstraße.
Foto: T. Söll

Laura war noch sehr jung, lebte allein in ihrer Wohnung in Schloßchemnitz. Und sie hatte ein ernsthaftes Problem: Laura war drogenabhängig, konsumierte regelmäßig Crystal-Meth. In der Folge konnte sich nicht mehr konzentrieren, war oft hektisch und vergaß Termine, die weiter reichten als der nächste Tag. Oft hatte sie Bauchschmerzen, ging aber nicht zum Arzt. Ihre Wohnung war verwahrlost, die Miete hatte das junge Mädchen schon mehrere Monate nicht bezahlt. Ein kleiner Schuldenberg türmte sich auf. Doch die Drogen blendeten ihre Probleme aus. Erst als der Vermieter mit der Räumung der Wohnung drohte, merkte Laura, dass sie ernsthaft in der Klemme steckte. Letzter Ausweg: Stephan Kämpf, Streetworker.

Der studierte Sozialpädagoge ist einer der Mitarbeiter im Domizil, einem Verein, der sich um die Probleme von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen kümmert, vorrangig in den Gebieten Altchemnitz, Schloßchemnitz und auf dem Kaßberg. Er arbeitet seit vier Jahren als Streetworker, hat einen guten Überblick über die Probleme der jungen Leute. „Laura ist einer der krasseren Fälle gewesen“, sagt er, „aber kein Einzelfall.“

Durch Sport entsteht Netzwerk

Damit junge Menschen erst gar nicht soweit abrutschen, versucht er, den Problemen der Jugendlichen vorbeugend entgegenzuwirken. Sport spiele dabei eine sehr wichtige Rolle: „Wir nutzen ihn und vor allem Fußball, um eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung zu geben und dabei ein Netzwerk aufzubauen“, sagt der 33-Jährige. Wenn er mit den Jugendlichen zusammen kickt, ist er mit ihnen auf einer Ebene, entwickelt ein Vertrauensverhältnis zu ihnen. In dieser Zeit lernen die Jugendlichen viel, wenn auch unterschwellig. „Fußball bietet sich dafür super an. Jeder kann es spielen, die Regeln sind klar, und man kann sich fast überall treffen“, erklärt der Diplom-Pädagoge.

Die Kinder lernen so nebenbei wichtige Grundwerte wie Toleranz, gewaltfreie Problemlösung, Vorurteile abzubauen und Fairness. „Während des Kickens merke ich, welche Probleme die Kinder haben und kann ihnen vorschlagen, darüber zu sprechen“, erklärt der gebürtige Chemnitzer. Er bietet ihnen ein soziales Umfeld, das sie zu Hause oder in der Schule nicht haben. Auch Laura hätte von einem solchen Umfeld profitiert, sagt Kämpf, wäre vielleicht nicht abgestürzt.

Nach den ersten Gesprächen mit Laura merkt er schnell, dass die Drogensucht beinahe ihr gesamter Lebensinhalt ist, sie Termine und wichtige Verabredungen in letzter Zeit nicht mehr wahrgenommen hat. „Sie hat zu der Zeit kein Arbeitslosengeld bekommen, hatte keine Krankenversicherung und auch keinen Personalausweis“, erzählt der 33-Jährige, der sich daraufhin intensiv um sie kümmerte, mit ihr zum Amt ging, Anträge ausfüllte und mit dem Vermieter verhandelte. Ein sicheres soziales Umfeld zu dieser Zeit: Fehlanzeige.

Integration von Ausländern

So ähnlich geht es vielen Jugend- lichen, die unter schwierigen Verhältnissen aufwachsen oder gerade erst aus dem Ausland hergezogen sind. „Wir helfen ihnen, Anschluss zu finden, sie zu integrieren“, sagt der Diplompädagoge und fügt an: „Und zwar mit Sport.“

So ist vor fast zehn Jahren auch Oleg Danderfer dazugekommen. Der gebürtige Kasache war 1992 mit seiner Familie nach Deutschland gezogen. Eines Nachmittags wurde er von einem Sozialarbeiter des Domizils angesprochen. „Er hat gefragt, ob wir nicht Lust hätten, fürs Domizil zu kicken“, erzählt der 26-Jährige, „und wir waren sofort dabei.“ Zusammen mit dem Verein gehen er und seine Freunde durch die Pubertät, werden erwachsen und integrieren sich. Viele seiner Freunde sind aber heute nicht mehr Teil des Teams, haben die Stadt verlassen – ihrer Arbeit oder Familie wegen. Danderfer aber ist dabei geblieben. Er hilft Kämpf heute ehrenamtlich bei der Organisation und trainiert mit den Kleinen. „Die schauen sich viel von den Großen ab“, sagt Kämpf und ergänzt: „Damit sie die gleichen Fehler – in welcher Form auch immer – nicht begehen.“

Viele Jugendliche würden sich gut entwickeln, nur manche würden wieder Probleme machen, seine Ideen in den Wind schlagen: „Das ist dann immer ein wenig deprimierend“, sagt Kämpf. Er nimmt in solchen Fällen manchmal auch Gedanken mit nach Hause, es beschäftigt ihn. So auch bei Laura. Nach den Amtsgängen und der Verlängerung der Wohnung hat er nichts mehr von ihr gehört. Die Wohnung, um die er einst kämpfte, hat sie aufgegeben, ist weggegangen. Wohin, das weiß Kämpf nicht, hofft aber auf das Beste: „Vielleicht ist sie zu einem Freund gezogen, vielleicht lebt sie aber auch auf der Straße.“

Quelle: http://www.freiepresse.de/SPORT/Sportangebote-sollen-Rutsch-auf-die-schiefe-Bahn-verhindern-artikel9011903.php, abgerufen am 18.10.2014

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