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Schulische und Digitale Lebenswelten – Prof. Hans Thiersch in Dresden

zur verbindlichen Online – Anmeldung

Die Zukunft ist jetzt!

Lebenswelten : schulische und digitale : Lebenswelten

Ausgestattet mit Computern, Smartphone`s und Tablet`s wachsen Kinder und junge Menschen heute auf. Neue Kommunikationsformen erobern die Lebenswelten. In Gruppen und Chats werden Gespräche geführt. Ein regelmäßiger Blick auf das Smartphone ist unerlässlich geworden. Planung von Freizeit und Hobby geschieht digital. Dabei machen junge Menschen zum Teil auch schlechte Erfahrungen, werden virtuell gemobbt und leiden real. Und trotzdem nimmt die rasante Entwicklung weiter Fahrt auf. Die Grenze zwischen digitaler und analoger Lebenswelt verschwimmt zunehmend.

Und die schulischen Lebenswelten? Geprägt von Leistungsstress, langen Schulwegen, verpatzten Abschlüssen und sozialer Ausgrenzung!

Alternative Bildung mit Lebensweltorientierung gewinnt zunehmend an Bedeutung und kann flexibel auf Bedarfe reagieren. (Außer-)schulische Bildungsangebote sind mehr denn je gefragt.

Nach der Begrüßung von Simone Stüber (LAK MJA Sachsen e.V.) und Dieter Wolfer (THD) beginnen die Referate um/mit:

10.30 Uhr Prof. Dr. Ronald Lutz (FH Erfurt),

11.45 Uhr Maren Behnert (Doktorandin an der TU Dresden) und

13.15 Uhr Mathieu Coquelin (FEX- Fachstelle Extremismusdistanzierung)

15.00 Uhr Prof. Dr. Hans Thiersch (TU Tübingen),

Der Fachtag „Schulische und Digitale Lebenswelten“ steht unter dem Label „Die Zukunft ist jetzt!“. Diese Überschrift ist Programm. Die einleitenden Gedanken und Feststellungen beschreiben unsere Wahrnehmungen zu jugendlicher „Wirklichkeit“. Wir wollen uns dieser aus verschiedenen Richtungen nähern: Hans Thiersch wird uns das Konzept der Lebenswelt vorstellen. Ronald Lutz vertieft diese Gedanken im Bezug auf Armut und die hiermit verbunden biographischen Schwierigkeiten mit dem Fokus Bildungsbiographie. Maren Behnert stellt uns mit dem Konzept der Straßenschule einen Lösungsweg vor und geht auf das Konzept des Othering ein. Mathieu Coquelin ergänzt das Tagungsprogramm um den Schwerpunkt der digitalen Lebenswelten.

Nach den jeweiligen Referaten sind Rückfragen und kurze Diskussionen möglich. Zum Austausch kommt es in Pausen und bei einer Abschlussrunde.

Für Ronald Lutz ist Armut in Deutschland ein Skandal. Arme Kinder werden ausgegrenzt, sind strukturiert benachteiligt. Es gibt kaum eine Chance der Armut zu entkommen, weil Armut und Reichtum oftmals vererbt werden. Arme Kinder werden weniger gefördert. Sie sind für die schulische Bildung „unwürdig“. Nachweislich erreichen sie seltener weiterführende Schulen. Wenn die Schule wenig Lust auf die Schüler_innen hat, entwickeln Schüler_innen Lustlosigkeit auf Schule. Diese armen Schüler_innen bleiben der Schule fern, nehmen an ihr nicht teil, obwohl sie anwesend sind. Mangelnde Bildung wirkt sich auf die Berufslaufbahn bzw. Nichterwerbsbiographie aus. Lutz erkennt einen Erschöpfungsprozess. Armut und Ausgrenzung werden gesellschaftlich strukturiert, Erfolglose werden produziert, Hilfskonzepte kommen an Grenzen und zeigen das Scheitern der Bildungs- und Sozialsysteme, zumindest Fallen, Dilematas, aber auch hoffnungsvolle Nieschen.

Straßenschule und Kompetenzbildung ist ein mögliches Konzept, das in Mannheim und Dresden praktiziert wird. Das theoretische Konzept in Dresden wurde mit Maren Behnert entwickelt. Sie stellt ihre Forschung vor. Sie untersucht den Lebensmittelpunkt Straße: Die Wirklichkeitskonstruktionen junger Menschen und die Konsequenzen für eine Straßenpädagogik. Sie stützt ihre Empirie auf Interviews. Junge Menschen lernen sich körperlich sowie sprachlich zu verhalten. Handlungen werden aktiv und somit aggressiv ausgeführt, junge Menschen der Straße entwickeln ein defensives Sprachhandeln zur verbalen Selbstbehauptung. Sie machen jahrelange Erfahrungen mit der Aberkennung ihrer Fähigkeiten in Familien, an Schulen, in Heimen oder bei Ämtern und Behörden. Sie kommen unter Rechtfertigungs- und Verteidigungsdruck. Der Wunsch nach Anerkennung und die Erfahrungen, nirgendwo wirklich gesehen zu werden, sind Ursache für defensives Sprach- und für aggresives Aktionshandeln. Behnert stellt die aus den Interviews gewonnene Theorie des defensiven Sprachhandelns mit seinen Ursachen, Dimensionen und Konsequenzen für die jungen Erwachsenen mit Lebensmittelpunkt Straße vor.

Mathieu Coquelin beleuchtet die digitalen Lebenswelten und Sozialräume, in denen junge Menschen heute leben. Diese digitalen Orte sind real. Es findet Begegnung statt. Junge Menschen planen und organisieren digital. Es werden Beziehungen digital gelebt. Sie konstruieren eigene und weitere Persönlichkeiten. Was bedeuten die Plattformen der Social Community für Jugendliche und junge Menschen auf der Straße? Dabei setzt er den Schwerpunkt auf die Frage, wie extremistische Gruppierungen im Internet/ Sozialen Netzwerken rekrutiert werden und wie sich Soziale Arbeit in der Praxis verhalten könnte?

Den Lebensweltbegriff prägt Hans Thiersch. Das Konzept ist in Theorie sowie Praxis ein etabliertes Arbeitsprinzip. In jedem Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit wird die Lebensweltorientierung anders übersetzt und praktiziert. Für die Streetwork/ Mobile Jugendarbeit heißt es konkret, jungen Menschen in besonderen Lebenslagen als Gast in ihrer Lebenswelt zu begegnen und sie als Expert_innen ihrer Selbst und ihrer Lebenswelt zu verstehen. Wenn dieses Konzept Sozialarbeiter_innen Kompetenzen und Hilfestellungen an die Hand geben will, kann es unter anderem die Idee der Handlungsmaximen und der strukturierten Offenheit sein. Dadurch wird jungen Menschen, die von Armut, Ausgrenzung und Benachteiligung betroffen oder davor bedroht sind, mit Offenheit, Liebe und Vertrauen begegnet. Werte und Haltungen die sie in ihrer Kindheit, Jugend und somit in einigen von ihren Sozialisationsinstanzen nicht erfahren haben.