wie MJA nicht funktionieren kann (Freie Presse, 16.11.2019)

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willie
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wie MJA nicht funktionieren kann (Freie Presse, 16.11.2019)

Beitrag von willie » 17. Nov 2019 16:42

Quelle: https://www.freiepresse.de/vogtland/rei ... el10661187

Wenn die Streetworkerin mit der Haribo-Box ihre Runde dreht
Erschienen am 16.11.2019

Bianca Pillatzki, Team-Koordinatorin für die städtischen Jugendzentren und Streetworkerin in Reichenbach, möchte ein "Soziales Netzwerk" formieren, das effektive Hilfen für Kinder und Jugendliche bietet. Foto: Franko Martin

Für Sie berichtet Gerd Betka
15 Monate Mobile Jugendarbeit: Koordinatorin Bianca Pillatzki zieht eine Zwischenbilanz und erklärt, warum sie ein "Soziales Netzwerk Reichenbach" formieren will.

Reichenbach. Eigentlich ist es unvorstellbar, dass eine 20.000-Einwohner-Stadt wie Reichenbach bis 2018 keine Mobile Jugendarbeit, sprich keinen Streetworker, hatte. Erst dann gaben Stadtrat und Vogtlandkreis grünes Licht: für eine magere halbe Stelle.

Am 1. August 2018 trat Bianca Pillatzki diese Arbeit an. Sie ist allerdings in Vollzeit tätig. In der zweiten 0,5-Stelle wirkt sie als Team-Koordinatorin der städtischen Jugendeinrichtungen "Lila Pause" und "Moskito". Die heute 44-jährige Diplom-Sozialpädagogin aus Thüringen war davor im Jobcenter Gera tätig, kümmerte sich um junge Erwachsene, bis ihre befristete Tätigkeit nicht erneut befristet werden durfte.

"Mobile Arbeit lebt vom Aufsuchen der Jugendlichen an ihren Treffpunkten in der Stadt", sagt sie. Dazu musste sie erst einmal ergründen, wo diese Plätze sind, und verstehen, warum sich die Mädchen und Jungen dort treffen. "Ich bin mit Warmgetränken, Keksen und meiner Haribo-Box raus. Das erleichtert die Kontaktaufnahme", erzählt sie. Manche hätten ja um 17 Uhr den ganzen Tag noch nichts gegessen. Der Bahnhof, der Park der Generationen mit den dortigen WCs, Stadtpark, Wasserturm, die Flächen um die Supermärkte - das sind einige dieser Plätze. Das Ganze unterliegt einem stetigen Wandel, Gruppen teilen sich, treffen sich an neuen Orten. Vertrauen müsse wachsen. Sie ging auch in die Schulen, traf dort Jugendliche wieder, die sie abends draußen gesprochen hatte. "Als es kälter wurde, habe ich gefragt, wer mit in unsere offenen Clubs gehen will", sagt Pillatzki. Ein paar wollen lieber draußen für sich sein, aber das sei auch okay. Im Kinder und Jugendzentrum "Lila Pause" gebe es mit über 60 Besuchern pro Tag momentan großen Andrang. "Es ist multikulti. Es ist spannend. Aber man muss jedem sein Leben lassen", sagt die Team-Koordinatorin. Froh ist sie, mit Mara Feiler, die ihren der Bundesfreiwilligendienst hier leistet, eine zusätzliche Kraft zu haben.

Bei 20 Stunden pro Woche für Mobile Jugendarbeit, zu der auch der Jugendtreff in Friesen, öffentliche Aktionen, das Netzwerken mit der Schul-Jugendsozialarbeit und das Initiieren von Jugendbeteiligung gehört, muss man sich genau überlegen, was man tut. Wenn Freitagabend die "Lila Pause" zugeschlossen wird, geht es draußen weiter. "Ich gehe feste Runden, weiß auch, wo es Sinn macht hinzugehen. Mittlerweile habe ich regen Kontakt zu den Jugendlichen. Sie haben auch meine Handynummer, wenn mal ein Notfall eintritt", berichtet sie. Wenn sie einen Wunsch frei hätte, dann den nach einer Kollegin, die mit ihr die Touren durchs Stadtgebiet läuft.

"Ich möchte für die Jugendlichen da sein und Hilfe vermitteln. Alles selber klären kann man aber nicht", findet sie. Bei Schule, Ausbildung und Beruf, Problemen in der Familie, Freizeitgestaltung, Stress mit Behörden, Polizei und Justiz, Wohnungssuche, Schulden oder Drogenproblemen brauche es kompetente Mitwirkende. Zum Glück gebe es in Reichenbach eine ganze Reihe erfahrener Beratungsstellen. Die müssten unkompliziert sofort tätig werden, wenn ein Jugendlicher sich helfen lassen wolle. Bei den teils langen Wartezeiten könne diese Bereitschaft beim Betroffenen schnell verflogen sein.

Genau deshalb schwebt Bianca Pillatzki die Formierung eines "Sozialen Netzwerks Reichenbach im Vogtland" vor, das nichts mit Facebook & Co, dafür aber mit effektiven Hilfen für Kinder und Jugendliche zu tun hat. "Es kostet unwahrscheinlich viel Zeit, Kontakte zu knüpfen und so am Leben zu halten, dass man einander wichtig ist. Aber ich hoffe, dass damit in Zukunft manches leichter wird", blickt sie voraus. Oft fehle es nicht an Geld oder Förderung, aber am Personal. Auch da könne ein Netzwerk helfen.

Erste Aktion des Sozialen Netzwerkes wird am Freitag, 6. Dezember, der Adventsmarkt auf dem Postplatz sein. Dazu habe sie sich mit Elke Göbel von der Landeskirchlichen Gemeinschaft abgesprochen. "Wir verteilen Flyer in den beteiligten Einrichtungen. Jeder Besucher, der einen Flyer mitbringt, erhält 13 bis 16 Uhr zum Nikolaustag entweder eine Zuckerwatte oder eine Popcorntüte oder einen Kinderpunsch gratis",sagt Pillatzki. Als Partner dafür haben sich spontan auf ihre E-Mail hin, die Awo Vogtland, Bereich Reichenbach, die Tafel Reichenbach, die Kinderarche, der Sächsische Gemeinschaftsverband und die Stadt Reichenbach bereitgefunden.

Für den Sommer 2020 denkt Bianca Pillatzki an ein Kinderfest im Park der Generationen. Dann mit noch mehr Netzwerkpartnern. Alle offenen Jugendeinrichtungen, alle kirchlichen Einrichtungen, Lebenshilfe, Leuchtturmverein, DRK und viele mehr seien willkommen. "Wenn alle anpacken, ist etwas Großes möglich", ist sich die Diplom-Sozialpädagogin sicher.

www.jugend-reichenbach.de

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Raimo
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Re: wie MJA nicht funktionieren kann (Freie Presse, 16.11.2019)

Beitrag von Raimo » 18. Nov 2019 08:06

...hmmm...

deine Kritik: "wie MJA nicht funktionieren kann" beziehst du jetzt genau auf was, Willie?
- auf die halbe Stelle MJA?
- auf die Süsigkeiten?

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willie
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Re: wie MJA nicht funktionieren kann (Freie Presse, 16.11.2019)

Beitrag von willie » 18. Nov 2019 08:55

Wir haben ja Fachstandards im LAK und ähnlich in der BAG, denen das gesamte Konzept widerspricht. (Für mich) selbstverständlich kann Streetwork nicht alleine gemacht werden, schon gar nicht auf nur einer halben Stelle. Das sollte immer zu zweit geschehen, um andere Termine wahrnehmen zu können also am besten mit drei Personen (nicht unbedingt drei Vollzeitstellen).

Dass schon alleine für MJA viel Arbeit im Netzwerk bzw. im Gemeinwesen nötig ist, steht ja im Text. Da wäre es sicherlich sinnvoll, auch die andere halbe Stelle auf MJA zu fokussieren.

Und gegen die Süßigkeiten hab ich nichts. ;)

Beste Grüße, willie

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Re: wie MJA nicht funktionieren kann (Freie Presse, 16.11.2019)

Beitrag von Raimo » 18. Nov 2019 13:11

Also eher eine Frage der Struktur. Einzelkämpfer/innentum. Hab ich schon mal gehört.

Und klar, wäre es sicher sinnvoll, wenns ne ganze Stelle wäre oder gar auch zwei oder drei. Ist es aber nicht.
Menschlich gesehen heißt das jedoch nicht, dass Bianca oder ihre Chefin in der Stadtverwaltung (ich kenne beide) schlechte Arbeit machen. Die Struktur vor Ort gibt es halt derzeit nicht her und womöglich haben die beiden auch nicht die Handhabe das zu ändern, obwohl sie es gern anders hätten.

Was ergibt sich daraus?
Gar keine Mobile Jugendarbeit vor Ort ist besser als eine halbe Stelle?
Gar keine Mobile Jugendarbeit vor Ort ist besser als nur eine Stelle?
Oder ergibt sich daraus irgendein Auftrag für den LAK?

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willie
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Re: wie MJA nicht funktionieren kann (Freie Presse, 16.11.2019)

Beitrag von willie » 19. Nov 2019 09:38

Das sind ziemlich knifflige Fragen, die ich aus der Ferne nicht eindeutig beantworten kann. Ich bin überzeugt, dass über eine gute Ausbildung hinaus die persönliche Eignung gerade in der Jugendhilfe eine wesentliche Rolle für die Qualität der Angebote spielt. Auch wenn die Quantität mit dieser mageren Ausstattung nicht ausreichend sein kann, dürfte angesichts deiner Einschätzung also wenig MJA besser sein als gar keine.

Eine Handhabe gegenüber dem Auftraggeber, der offensichtlich Mobile Jugendarbeit als geeignetes Angebot ansieht, bilden meines Erachtens die Fachstandards des LAK, deren aktuelle Überarbeitung sicher keine Änderung der VzÄ bringen wird, und auch die Orientierungshilfe des Landesjugendhilfeausschusses.

Einen Auftrag an den LAK sehe ich vor allem darin, das neue Angebot als Fachverband zu unterstützen. Wie genau das aussehen kann, sollten am besten die Fachkräfte vor Ort formulieren.

Beste Grüße, willie

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