Unsicherheit und Bedrohung in der Aufsuchenden Arbeit im Kontext rechter Präsenz
Eine Kurzerzählung
Diese Kurzerzählung wurde im Rahmen des sächsischen Streetwork-Treffens verlesen und anschließend mit etwa 15 Mobilen Jugendarbeiter*innen diskutiert. Bei einigen Fachkräften löste die Geschichte ein Gefühl des Nicht-Alleine-Seins aus. Für andere bot sie einen spannenden Einblick in die aktuellen Herausforderungen der Arbeit in unserem Stadtraum.
Kritisiert wurde der reine Problem-Fokus ohne Ableitungen zur Erhöhung der Sicherheit. Dies wurde nachträglich am Ende des Textes ergänzt. Auch entstand teilweise ein Eindruck von Fachkräften als „Held*innen“, die im Dunkeln in Bedrohungsszenarien geraten und trotzdem handlungsfähig bleiben. Auch diese Kritik haben wir aufgenommen und entsprechende Textstellen angepasst.
Alle Namen im Text sind frei erfunden, um die Anonymität zu gewährleisten.
Es ist Freitag 14 Uhr – Dienstbeginn im Büro unseres Streetwork Projektes. Die Woche war echt voll mit allem Möglichen: Gremien, Administratives, Recherchen usw. Gerade deswegen freue ich mich auch auf den Freitag, an dem meine Kolleg*innen und ich fast ausschließlich aufsuchend unterwegs sind. Zudem haben wir fast 30 Grad – das ist genau mein Wetter. Mit mir haben heute meine neue Kollegin Karla und unser Praktikant Daniel Dienst. Stefan hat bereits Urlaub und auch für mich ist heute der letzte Arbeitstag vor knapp zwei Wochen frei.
Wir erledigen noch ein paar kleine Aufgaben wie Emails beantworten, Insta checken und Verantwortlichkeiten für die Urlaubszeit übergeben. Dann packen wir unseren Bus und unser Material, was wir mit auf Streetwork nehmen. In unserer Umhängetasche kommen Taschenaschenbecher, Goodie-Bags (mit unseren Visitenkarten, Snacks und Hygieneartikel fürs Wochenende), Aktivkohlefilter, Taschentücher, Wasserflaschen, Müllbeutel rein… halt alles was wir immer so mitnehmen. Wir schnappen uns noch jeweils einen Besen, falls junge Menschen auf einem Platz Scherben oder so wegfegen wollen. Es ist 16 Uhr. Wir rauchen noch eine vorm Büro und wollen danach los.
Ich bin froh, dass die kleine Gruppe, die oft ein paar Meter vorm Büro bei den Bänken rumhängt, heute nicht da ist. Diese Gruppe besteht aus zwei bis vier jungen Menschen um die 18/ 19 Jahre und ein bis zwei älteren Erwachsenen um die 40 – alle männlich, alle rechts. Bis vor ca. zwei Jahren hatten wir noch guten Kontakt mit zwei von den jungen Menschen. Wir haben regelmäßig gequatscht, sie haben uns immer mal besucht. Irgendwann haben sie angefangen, sich eher an rechten Werten und Deutungen zu orientieren und lehnten uns immer mehr ab. Sie klauten Sachen aus unserem Lager und waren immer seltener auf den Plätzen, an denen wir sie regelmäßig antrafen. Mittlerweile lesen wir sie klar rechts. Wenn sie sich an den Bänken treffen, lassen Kleidung und Aussagen klar auf ihre Weltsicht schließen. Oft trinken sie dort zusammen, werden immer lauter und hemmungsloser und machen so Kampfsportübungen auf der Wiese. Manchmal rufen sie uns auch Beleidigungen hinterher. Diese Dynamik erzeugt Unsicherheit bei uns. Man muss sich das mal vorstellen: Direkt vor unserem Büro treffen sich ehemalige Adressat*innen unserer Arbeit und lösen hin und wieder Angst bei uns aus, weil wir oft nicht einschätzen können, wie aggressiv oder handgreiflich sie auf uns reagieren könnten. Jedenfalls sind sie heute nicht da, deswegen können wir entspannt eine rauchen, bevor wir losmachen.
Und dann geht es los. Erster Halt nach etwa 10 min ist ein kleiner Skateplatz. Wir sehen ein paar neue Graffitis, die vor allem rechte Raumnahme zum Ausdruck bringen: „Herz“ AFD, 1161 (Anti-Antifa) und noch ein paar andere. Außerdem ist Richard, mit dem wir erst seit ein paar Monaten guten Kontakt haben, auch da. Dafür waren fast zwei Jahre intensiver Beziehungsaufbau nötig. Er kommt direkt zu uns und erzählt von seinen Wochenendplänen, vom Job seines Vaters, seinem chronischen Geldmangel und von seinem BMX, das quasi immer einen Platten hat, weil überall Scherben rumliegen. Richard war mal dem Dritten Weg zugewandt und hat mit vielen anderen aus der Gruppe die AFD sehr gefeiert. Bis vor kurzem hatte er auch einen Hitlerscheitel getragen. Den hat er nun nicht mehr und trägt eine Frisur ohne scheinbare, politische Aussagekraft. Haben wir dazu beigetragen? Das lässt sich bei unserer Arbeit nur durch entsprechendes, direktes Nachfragen feststellen. Wir wollen ihn aber nicht gleich mit unseren diesbezüglichen Fragen „überfallen“. Auf jeden Fall freuen wir uns darüber, dass er sich zumindest vom Styling her von entsprechenden Gruppierungen scheinbar abgewandt hat. Nach dem Gespräch verabschieden wir uns und fahren weiter.
Es geht zur Wiese am Fluss. Unser Praktikant Daniel hat seine vorletzte Woche und hat bisher noch keinen Erstkontakt erlebt. Das wollen wir ihm heute ermöglichen. Leider ist er heiser und wird es nicht selbst ausprobieren können, aber es einfach mal mitzuerleben, kann schon eine wertvolle Erfahrung sein. Wir parken direkt an der Wiese und verschaffen uns einen Überblick: einige kleine Grüppchen und zwei größere. Wir drehen eine Runde, um ein Gefühl für den Vibe heute zu bekommen. Dann hören wir die Band “Böhse Onkelz” aus einer Box schallen. Vier junge Menschen im Alter von etwa 13 bis 17 sitzen und stehen daneben. Als wir an ihnen vorbeigehen, zeigt ein Junge*1 – ca. 13 Jahre – einen Hitlergruß in unsere Richtung und ruft: „Deutschland für immer!“
Karla und Daniel haben es gar nicht gehört. Während wir weitergehen, erzähle ich davon. Als Reaktion kommt kein “Krass!” oder “Echt jetzt?”, sondern ein resigniertes Kopfschütteln. Ich kann das gut verstehen. Regelmäßig bekommen wir solche Aussagen, Hitlergrüße, etc. mit – von jungen Menschen und älteren Erwachsenen gleichermaßen. Wann ist das eigentlich so alltäglich geworden? Wir sind weder Polizei noch Ordnungsamt, aber hier hätten wir trotzdem intervenieren sollen. Das klingt so einfach und ich höre eine Stimme in mir sagen: “Das ist halt dein Job!” So einfach ist das aber nicht. Das ist keine einfache Arbeit, sondern eine Zumutung – Methodensicherheit hin oder her, denn im Moment auch so zu handeln, erfordert immer wieder Mut, Überwindung und hohe Selbstsicherheit. Auch ich war in meiner Jugend viele Jahre lang rechtsextremer Gewalt ausgesetzt und das hat mich geprägt. Dahinter kann ich mich nicht verstecken und es ist ja auch nicht so, dass ich deswegen nie interveniere, aber in dem Moment ging es einfach nicht. Das ist ein Thema für die Nachbesprechung der Streetworkrunde.
Wir gehen weiter am Wasser lang. Dann stoßen wir auf der Wiese auf eine große Gruppe von etwa 25 jungen Menschen um die 18 Jahre. Vier von ihnen stehen an einer Bank. Wir nicken uns zu und ich spreche sie an: „Hey, nicht erschrecken. Wir machen Mobile Jugendarbeit, also Streetwork. Alles gut bei euch?“ Einer kennt uns schon und grüßt uns freundlich: BAM – besser geht es nicht, denn die anderen, die uns erstmal misstrauisch beäugt haben, sind sofort aufgeschlossen uns gegenüber. Wir quatschen kurz und erfahren, dass es in den letzten Tagen weder Stress mit Cops noch mit Anwohnenden gab. Sie treffen sich, um eine Überraschungsparty für einen Freund zu geben. Wir lassen noch ein paar Goodie-Bags da und gehen weiter.
Das war gut. Solche Kontakte schätzen wir, weil sie alles andere als selbstverständlich sind. Regelmäßig treffen wir auch auf Ablehnung, starkes Misstrauen oder Beleidigungen. Alles in allem ein guter Start also. Auch Daniel fand´s super. Dann sehen wir eine kleinere Gruppe auf einer Bank und vier Personen, die wir eindeutig rechts lesen, ca. zwei Meter daneben. Wir werden langsamer, denn wir wollen entscheiden, ob wir sie ansprechen oder nicht. Nach kurzem hin und her entscheiden wir uns dagegen, da sich nicht alle von uns gerade fit genug fühlen, in eine eventuelle Konfrontation mit Neonazis zu gehen. Wir gehen weiter und sehen eine FINTA-Gruppe*, ca. 15 Personen um die 14/ 15 Jahre. Wir gehen vorbei und entscheiden, dass Karla sie anspricht, wenn wir von der anderen Seite zurückkommen. Uns ist wichtig, dass junge Menschen uns auch von weitem sehen können und nicht überrascht werden, wenn wir plötzlich hinter ihnen stehen. Wir drehen unsere Runde und kommen wieder an dem Treffpunkt der FINTA-Gruppe* vorbei. Dort stehen sie nicht mehr. Sie haben sich mit ein paar anderen zu einer großen Gruppe von ca. 40 jungen Menschen zusammengeschlossen. Aus dem Augenwinkel sehen wir die vier männlich und rechts gelesene Jugendliche, die einen Becher mit einer Flüssigkeit auf eine schüchtern wirkende Gruppe bei einer anderen Banken werfen. Sie treffen nicht und die anderen lassen sich davon auch gar nicht beeindrucken. Wir entscheiden, die große Gruppe anzusprechen und steuern in ihre Richtung. Doch dann machen sich die vier rechten Jungs* auch auf den Weg dorthin. Wir schwenken ab und platzieren uns etwa 50 Meter entfernt auf die Wiese – die Situation beobachten. Die vier treffen auf die Gruppe und gleich gesellen sich drei Jungs* aus dieser zu ihnen. Sie stehen in der Mitte, was dazu führt, dass sich die große Gruppe in zwei kleinere spaltet, so als wären sie ein Keil. Die vier sind recht groß und muskulös. Einer, der mit dem Rücken zu uns steht, spielt mit etwas in seiner Hand. Dann sehen wir es: ein etwa 50cm langer Knüppel. Uns wird gleich ganz anders. Aber wir stellen uns auch Fragen: Wäre es jetzt nicht gerade wichtig gewesen, zu der Gruppe zu gehen? Ist es vertretbar, dass wir nur hier sitzen und beobachten? Natürlich ist es das! Zwei der Jungs* drehen sich manchmal zu uns um und wir fragen uns: „Kennen die uns?“, „Warnen die die anderen vor uns?“. Naja, das werden wir heute nicht rausfinden.
Wir fahren weiter. Hinter einem Supermarkt wurde vor ein paar Monaten ein Spielplatz gebaut. Schon länger haben wir vor, dort mal langzufahren, wenn es langsam dunkel wird. Es ist kurz vor 22 Uhr. Beim Vorbeifahren sehen wir schon vereinzelt junge Menschen. Bisher haben wir hier noch nie welche gesehen. Ich freue mich und suche einen Parkplatz. Ich parke gleich am Eingang hinter einem schwarzen Van. Da kommt ein Mann* vom Spielplatz gelaufen – groß, stämmig, Glatze, Vollbart, Sonnenbrille. Er geht zum Kofferraum des Vans und schaut auf unsere Motorhaube, dort steht Mobile Jugendarbeit und unser Projektname. Dann sieht er uns durch die Frontscheibe an und guckt … naja, wie beschreibt man das … irgendwie hasserfüllt, aggressiv. Dann steigt er in den Van und schaut uns durch seinen Seitenspiegel weiter an – Komisches Gefühl … schon wieder. Aber egal, wir steigen aus und gehen zum Spielplatz. Hier und da sind vereinzelt junge Menschen und auf einer Bank sitzen drei männlich Jungs*. Etwas verunsichert von der Situation eben, entscheiden wir, erstmal niemanden anzusprechen und eine Runde zu drehen. Als wir an der Bank vorbeigehen, kommen sie uns entgegen – Die jungen Menschen, die sonst vor unserem Büro sind. Sie gehen zu den drei Jungs* auf der Bank und würdigen uns keines Blickes. „Gut, dass wir die nicht angesprochen haben.“ sage ich und nehme Kopfnicken meines Teams wahr. Vorm Supermarkt stehen etwa 15 männlich gelesene Personen um die 18 Jahre und schauen uns an – nicht fragend, irritiert oder gleichgültig, sondern irgendwie drohend. Oder kommt uns das nur so vor? Meine Kollegin beginnt, etwas schneller zu laufen. Unsicherheit packt uns. Ich mache ein paar witzige Sprüche, um die aufkommende Angst zu vertreiben. Niemand lacht. Als wir um die Ecke biegen, sehen wir unseren Bus. Und davor – der schwarze Van mit der Person, die uns beim Ankommen schon so abwertend gemustert hat. Den Blick auf den Boden gesenkt, gehen wir vorbei und steigen ein. Wir halten in unserer Chatgruppe Fahrzeug, Nummernschild und eine kurze äußerliche Beschreibung der Person im Van fest. Das ist eine Gruppe, in der wir mit unseren Privatnummern sind, um außerhalb der Arbeitszeit kurze Absprachen zu Arbeitsbeginn usw. zu treffen. Ich sag noch: „Armer Stefan.“, weil ich mir denken kann, dass er das liest. Sofort erscheint der Hinweis „Stefan tippt.“ „Oh nein, was ist passiert?“ Wir schreiben: „Alles gut, genieß deinen Urlaub.“ Wahrscheinlich keine besonders befriedigende Antwort, aber wir haben gerade auch mit uns selbst zu tun. Die Person im Van beobachtet uns wieder durch den Seitenspiegel. Wir entscheiden, für heute Schluss zu machen. Ich sage: „Naja, wenn die jetzt hier chillen, ist wenigstens niemand von denen vorm Büro.“ Wieder lacht niemand.
Im Büro angekommen, atmen wir alle erstmal tief durch und sitzen schweigend da. So wollen und können wir keinen Feierabend machen. Fast eine Stunde lang reden wir noch darüber, was wir heute erlebt haben, wie es uns damit geht und reden uns den ganzen Scheiß von der Seele. Das hat gut getan. Wir wissen, dass es da draußen so ist und wir wissen auch, dass es eher schlimmer als besser wird. Aber das ist unser Job. Oder nicht? Woher kommt die scheinbare Selbstverständlichkeit, in Bedrohungsszenarien arbeiten zu müssen? Diesen Fragen werden wir in Zukunft nachgehen. Ich bin so unendlich dankbar für mein tolles Team und kann mich mit einem nur noch etwas mulmigen Gefühl in den Urlaub verabschieden.
Nachdem wir zwei Wochen später wieder komplett auf Arbeit sind, besprechen wir das Erlebte erneut – einmal, um Stefan zu berichten und einmal, um zu entscheiden, wie wir in Zukunft mit solchen Situationen umgehen. Da wir bisher kein konkretes Konzept zum Umgang mit derlei Arbeitsbelastungen haben, starten wir mit Brainstorming. Anschließend wählen wir die für uns besten Ideen aus, um sie weiterzuentwickeln:
- Sichere Streetwork-Routen (auf Fluchtwege achten)
- Sichere Parkplätze für unseren Bus (beleuchtete Orte suchen, abgelegene Orte vermeiden)
- Selbstverteidigungstraining als Team in der Arbeitszeit (trägerintern, jede Woche)
- Codewörter, um Kontakte abzubrechen
- Hinterfragen, wie sinnvoll und sicher es ist, im Dunkeln zu arbeiten (arbeiten im Dunkeln oder nicht ist unsere Entscheidung)
- Nicht mehr alleine im Büro sein (alternativ Homeoffice)
- Regelmäßige Recherche zu rechten und rechtsextremen Gruppen (Netzwerke nutzen)
- Weitere Professionalisierung in der Arbeit mit “rechten” jungen Menschen (TTM, Grenzen der eigenen Arbeit, etc.)
- Im Träger anstoßen, dass zeitnah ein Konzept zum Umgang mit derartigen Arbeitsbelastungen erarbeitet wird (als neue Grundlage der Aufsuchenden Arbeit etablieren)
- Dokumentieren des Erlebten (diese Kurzerzählung)
- Möglichkeiten der Verbreitung dieser Kurzerzählung eruieren (transparent ggü. Fachkräften/ Jugendamt/ Politik/ Öffentlichkeit machen, mit Kolleg*innen teilen -> rechte Raumnahme und Präsenz im öffentlichen Raum als strukturelles Problem begreifen)
Heute haben wir viele dieser Ideen in die Tat umgesetzt. Wir fühlen uns sicherer! Die Bedrohung und Unsicherheit bleibt bestehen, aber wir haben gelernt, besser damit umzugehen und einige Schutzaspekte etabliert. Es bleibt noch viel zu tun, vor allem auf einer strukturellen Ebene. Und das betrifft natürlich nicht nur unsere Arbeit, sondern die Gesellschaft als Ganzes. Schließlich ist der Rechtsruck nicht begründet in den Entscheidungen von Einzelpersonen, sondern in Strukturen, die eben diesen ermöglichen und begünstigen. Schon in den 1990ern wurde diese Verantwortung auf die Jugendarbeit abgewälzt, die die Straßen von rechten Skinheads befreien sollte. Weder war dieser Versuch von Erfolg gekrönt, noch sehen wir das überhaupt als unsere Aufgabe. Daraus gilt es zu lernen.
Mit dem Teilen dieser Kurzerzählung wollen wir einen ersten Schritt in diese Richtung machen.
- Die Geschlechts- und Alterszuschreibungen resultieren aus unseren Beobachtungen und wie wir die Menschen in der Situation „gelesen“ haben und sind daher tatsächlich Zuschreibungen. ↩︎
